Reisebericht von Jochen H.

Heute zurück aus Kuba, will ich sogleich in die Tasten greifen: Im komplizierten Kuba ist auch die Internetverbindung nicht trivial, so verschob ich den schuldigen Rundbrief auf die Rückkehr.

Wir wohnten, sukzessive, bei doña Elvira, dann bei doña Migdalia, doña Olga, doña Martha und bis gestern bei doña Norma. Dies alles sind, bald braun, bald weiss, bald schwarz, rüstige ältere Damen, die es mit Glück, Beharrlichkeit und guten Beziehungen zum gobierno fertiggebracht haben, koloniale Villen oder Etagenwohnungen zu erwerben und diese mit Fleiß in schmucke '
casas particulares ' auszubauen; ein, zwei, oder sogar drei Zimmer werden an durchreisende Ausländer tageweise vermietet. Ein für Kubas karge Nahrungsmittelverhältnisse reichhaltiges Frühstück sowie vorübergehende Adoption in die Familie sind im Zimmerpreis inbegriffen. Damit verdient jede dieser resolut schaltenden und waltenden Damen in guten Monaten das Zwanzig-, oder Vierzigfache eines Lehrergehalts. Bei so erfreulichen geschäftlichen Aussichten ist es kein Wunder, dass schnell ein herzliches Verhältnis zu den Gästen entsteht: Beim Abschied werde ich an mehr als einen üppigen Matronenbusen gedrückt und muss heilig zusagen, recht bald wieder einzusprechen.

So und ähnlich entsteht, nach erfolgreicher Beseitigung der alten, die neue Bourgeoisie, und in atemberaubender Geschwindigkeit. Wir sehen Kolonialpaläste, die von ihren aktuellen Besitzern marode erworben und mit Mitteln, die emigrierte Verwandte aus
Florida oder Spanien schickten, liebevoll und unter Einsatz der örtlich spottbilligen Arbeitskraft restauriert und dem lukrativen Fremdenverkehr zugänglich gemacht wurden. In Cienfuegos freunden wir uns an mit José, einem dieser Neu-Unternehmer, und bewundern seinen Prachtbau. Wissen Sie, José, dass Ihr Haus mit den 30 Räumen, den turmhohen Stuckdecken, den originalrestaurierten Badewannen von 1900, in Europa unter Brüdern einen zweistelligen Dollarmillionenbetrag erlösen würde? Er (verschmitzt): Ich bin der kubanischen Revolution dankbar für die Möglichkeiten, die sie mir Proletarierkind eröffnet. Wir sehen mehrfach bestätigt: Je wohlhabender die Familie, desto sozialistischer die bekundete Weltanschauung. Diejenigen Kubaner, die an dem neuen Wohlstand seit der ökonomischen öffnung durch Raúl Castro nicht partizipieren, schauen hingegen finster auf die Lage der Dinge. Wir leben wie die Hunde, sagt uns einer, auf der Fahrt nach Guanabo.

Die Regierung bewegt sich vorsichtig und auf gefährlichem Grat: Alles hängt ab von den überweisungen der Exilkubaner, vom billigen öl aus Venezuela, von dem man nicht weiß, wie lange es noch sprudelt, und mehr und mehr vom gewaltig boomenden Tourismus, durch welchen jedoch die theoretisch so vehement verworfene Ungleichheit ins Aberwitzige vervielfacht wird; wo sonst kann man durch das Vermieten von Privatzimmern das Vierzigfache des
Durchschnittslohns einstreichen? Bildungsniveau und Lebensstandard sind in keiner Weise korreliert: Die ärmsten Schlucker können diplomierte Mathematiker sein, der nichtsnutzige Neffe irgendeines Emigranten fährt derweil vierspännig über die Insel. Der vierschrötige Gesell, der die Koffer in die Touristenbusse wuchtet, und dem der eine oder andere Trinkgelddollar zufliegt, lebt viel besser als jeder Hochschullehrer. Livin‘ la vida loca.

Ein Zufallsbekannter in Havanna: Die Touristen sind Menschen, die in kapitalistischen Ländern ausgebeutet werden. Ich hatte das Glück, in eine ausbeutungsfreie Gesellschaft hineingeboren zu werden. Ach, hätte dieses Glück doch nicht mich getroffen, dann könnte ich wie die Opfer des Kapitalismus durch die Welt reisen und leben wie Ihr.

Kubas Morgenklänge: Das Krähen der Hähne mitten in der Stadt, Hufgetrappel von Pferdegespannen. Auspufftopfknallende Chevrolets und Studebakers aus den Vierzigern, und dazwischen spotzende Ladas. Mambo aus dem linken Fenster und streitende Nachbarn aus dem rechten. Kuba hat
mehr als einen Modernisierungsschub einfach ausgelassen und hängt der Welt um Generationslängen hinterher. Das fasziniert den Reisenden, wird so aber nicht bleiben können.

Seit meinem letzten Aufenthalt hat sich die Versorgungssituation verbessert. Die Regale haben sich spürbar gefüllt und auch die Kubaner selbst scheinen mir etwas fülliger zu sein als ehedem. Aber die Widersprüche des anstrengenden und sehr besonderen Landes spitzen sich zu: Wenn die Regierung es nicht schafft, dass der Durchschnittsbürger, wie Heinrich der Vierte sich einst ausdrückte, am Sonntag ein Huhn im Topf hat, wird die Absetzbewegung unter den gut ausgebildeten Könnern anhalten und das Murren der Zurückbleibenden anschwellen. Aber den Tourismus, diese hochwillkommenen Devisenquelle, noch weiter ausbauen? Die heimgesuchten Einheimischen werden durch die andrängenden Fremden auf Ideen gebracht, die mit der
Staatsdoktrinn nicht im Einklang stehen. Und manch schöner Ort - und es gibt viele schönen Orte in Kuba - verwandelt sich schon heute unter dem Zulauf in eine Art Buena-Vista-Disneyworld mit fürs Foto dicke Havannas paffenden Compay Segundo-Imitatoren und gefakter Folklore.

Den Traditionalisten mit Che-Shirt zur Beruhigung sei aber eingeflochten, dass Manches noch ganz sozialistisch geblieben ist. So die lustlose Unfreundlichkeit aller, die offizielle Funktionen bekleiden, etwas verkaufen, stempeln oder irgendeine Zuteilungsmacht von Amts wegen ausüben. Welcher Kontrast hierzu die offene Art der jederzeit zu spontanem Gedankenaustausch aufgelegten Normalkubaner, die man einfach mögen muss. Patria o muerte,
J.


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